|
Raumstörungen
Allgemein gesehen tragen Störungen als Unterbrechungen oder
Kurzschlüsse negative Bedeutungen. Störungen können
und müssen jedoch für die Zukunft vielmehr als positive
wechselseitige Interaktionen räumlicher, sozialer und ästhetischer
Art begriffen, geplant und gestaltet werden. Die Kybernetik beschreibt
Störungen wertfrei als jede Art äußerer und innerer
Wirkungen auf dynamische Systeme. Diese Eigenschaften verwandeln
Störungen somit in durchaus positive Einflußgrößen,
Systeme aus dem Gleichgewicht zu bringen, sie zu aktivieren und
über Rückkopplungseffekte, Veränderungen und Lernvorgänge
in ständiger Entwicklung zu halten.
Philipp Oswalt verweist zurecht in "Berlin-Stadt ohne Forum"
auf bestimmte künstlerische Strategien, wie die Multiperspektivität,
Fragmentierung, Simultaneität und Multiplizität von Durchdringung,
Überschneidung und Überlagerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
"Während sich die Planer bis heute um Ordnung und Homogenität
bemühen und in ihrem ständigen Scheitern die Unordnung
noch vermehren, hatten die bildenden Künste bereits zu Beginn
des 20. Jahrhunderts diese Eigenart erfasst und sie in ihren Werken
thematisiert. So zeigen Gemälde wie Ernst Ludwig Kirchners
"Potsdamer Platz" (1914), George Grosz´ "Metropolis"
(1916/17) oder "Deutschland, ein Wintermärchen" (1918)
Berlin anhand dynamisierter, vielschichtiger städtischer Räume.
Und in der Zeit zwischen Ende des Ersten Weltkriegs und Untergang
des Kaiserreichs erfinden die Berliner Dadaisten die Fotocollage."
Unsere kulturelle Wirklichkeit wird heute durch ein vielfaches an
Simultaneität und Multiplizität geprägt, beschleunigt
durch die rasante Entwicklung der neuen Medien und Informationstechnologien.
Dies müßte sich auch in neuen Gestaltungs- und Planungsstrategien
niederschlagen.
Die Potentiale von Berlin liegen in der besonderen Heterogenität,
in den vielen Störungen, die sich wechselseitig durchdringen.
Für den Soziologen Ulrich Beck beinhalten heterogene Strukturen
besondere Qualitäten, wie Vielfalt, Differenz, unabschließbare
Globalität, Zusammenhänge, Zusammenhalt, Bejahung von
Ambivalenz, die sich gegenüber Trennung, Ab- und Eingrenzung,
Verlangen nach Eindeutigkeit, Beherrschbarkeit, Sicherheit und Kontrolle
innerhalb homogener Strukturen unterscheiden. Inwieweit eine dialektische
Balance zwischen heterogenen und homogenen Strukturen, zwischen
Störungen und stabilen Zuständen behutsam gefunden werden
muß, ist sicherlich immer wieder neu zu bestimmen.
Das Entwurfsprojekt "Raumstörungen" will theoretische
und gestalterische Grundlagen zu diesem Thema erarbeiten und auf
dieser Grundlage exemplarische Raumstörungen an dafür
prädestinierten städtebaulichen Orten Berlins planen und
räumlich experimentell modellieren.
Leistungsnachweis:
Entwurf
Betreuung:
Prof. Dr. W. Scholz, Dr. G. Nest
Zeit/Ort:
Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Bühringstr. 20
mittwochs und donnerstags 11-16 Uhr, Raum 303
Anmeldung:
Liste vor Raum A 625
Scheine:
SE| 1.2
|